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Madonna kontra Kirche
Und wieder ist es die Kirche die sich mit Grauen abwendet und Madonna zu einer gigantischen Werbeschow verhilft
 
Madonna lädt den Papst zu ihrem Konzert ein

Madonna hat den Papst zu ihrem Konzert in Rom eingeladen. Die US-Pop-Ikone reagierte damit auf die Kritik des Vatikans an ihrer Show.



«Dem Papst würde die Show gefallen, und er würde Madonna applaudieren», zitierte die Zeitung «La Repubblica» Madonnas Sprecherin Liz Rosenberg.

Die Sängerin reagierte damit auf die Kritik des Vatikans an ihrer Aufführung des Liedes «Live To Tell», bei der sie mit einer Dornenkrone auf dem Kopf an einem mächtigen Kreuz hängt. «Benedikt sollte mit eigenen Augen die Ausdruckskraft, die Schönheit und die Menschlichkeit Madonnas bei der bewegenden Performance sehen», hiess es.

«Sich aus Spass kreuzigen zu lassen, und das in der Stadt des Papstes, ist ein Akt offener Feindseligkeit und eine sinnlose Marketing-Operation», hatte zuvor Kardinal Ersilio Tonini erklärt.

Auch andere Würdenträger verurteilten die Show als «geschmacklos» und «dumm».

 
Madonna in Deutschland

Wenige Stunden vor dem Start ihrer Deutschland-Tour wächst der Unmut über US-Popstar Madonna. Die Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche, Käßmann, rief zu einem Boykott der Konzerte auf. Käßmann nahm Anstoß an einer Show-Sequenz, in der Madonna mit Dornenkranz am Kreuz zu sehen ist. Dies zeuge von einer Selbstüberschätzung ungeheuren Ausmaßes, kritisierte die Bischöfin. Offenbar könnten alternde Stars nur noch mit der Verletzung religiöser Gefühle Aufmerksamkeit erregen. Madonna muss bei ihrem Auftakt-Konzert sogar mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf will das Konzert genau verfolgen. Ihr liegt eine Strafanzeige vor.
 
Madonna in Russland
Madonna kommt erstmals zum Konzert nach Russland. Die Fans stellen sich schon nachts nach Eintrittskarten an. Die russische Kirche macht Negativwerbung.
MOSKAU, 10. August (WLADIMIR SIMONOW, RIA Novosti). Seit Dienstag ist die Liste der persönlichen Siege Madonnas ein wenig länger. Am ersten Tag des Verkaufs der Eintrittskarten für das Konzert der internationalen Popdiva haben die Moskauer Jugendlichen binnen weniger Stunden 4 000 dieser nicht gerade billigen Tickets aufgekauft. Schon nachts hatten die Fans Schlange gestanden.
57 Lastkraftwagen mit einer Fracht von 250 Tonnen, alles Dekoration und technisches Zubehör für die Show, werden auf den Moskauer Worobjowy Bergen vor der Lomonossow-Universität ausgeladen. Dort wird sich der amerikanische Star am 11. September erstmals in Russland präsentieren.
Das Ereignis hätte aber durchaus auch ins Wasser fallen können, würde die Russisch-Orthodoxe Kirche tatsächlich über den wiedererstandenen gewaltigen Einfluss auf die Gesellschaft verfügen, der ihr zugeschrieben wird.
In den letzten Wochen haben die kirchlichen Würdenträger Madonna ärger als den Antichristen verunglimpft, ihrer Gläubigerschar zuredend, das Konzert zu boykottieren. Wsewolod Tschaplin, seines Zeichens Stellvertreter des Leiters der Abteilung für Auswärtige Verbindungen des Moskauer Patriarchats, meint, die Sängerin spickt ihre Show mit religiösen Symbolen wie dem Kruzifix oder der Statue der Heiligen Jungfrau, um ihre eigenen lasterhaften Leidenschaften zu rechtfertigen. Der Bischof legte der Popdiva nahe, keine Zeit für Grimassen und Sprünge zu verschwenden, sondern sich um sofortigen geistlichen Beistand an ihren Beichtvater zu wenden.
Madonna muss sich nicht erst an die Anfeindungen der Kirchen aller Konfessionen gewöhnen. Der italienische Kardinal Ersilio Tonini warf ihr Gotteslästerung vor. Namhafte Rabbiner entrüsteten sich über ihre Besessenheit für die Kabbala, dieser exotischen Besonderheit des Judentums. Der Rat der Muftis Russlands hat rund heraus erklärt, die Frau sollte nicht in einer unziemlichen Weise auf der Bühne erscheinen. Natürlich waren die schwarzen Strumpfhosen und die Dornenkrone gemeint. In dieser dreisten Aufmachung entschwand sie bei jedem europäischen Konzert am Kreuz aufwärts gen Himmel. Gemeint sind die Shows, mit denen sie für ihr neues Album "Confessions of a Dance Floor" auf Promotiontour ging. So wird sie auch am 11. September vor der Moskauer Universität gen Himmel entschwinden.
Dass die russische Jugend, die westeuropäische nicht zu vergessen, die Reize ihrer Heldin den Verboten der heiligen Väter vorzieht, spricht für sich selbst. Vor allem zeugt es davon, dass die Religion es nicht vermag, dem seelischen Sinnen und Trachten ihrer jungen Gemeinde zu folgen. Wie ketzerisch es auch klingt, Madonnas Erfolg kann auch als Hinweis auf die Oberflächlichkeit der Frömmigkeit in der Alten und in der Neuen Welt interpretiert werden, über die so manche Theologen liebend gern philosophieren.
Diese Schlussfolgerung kommt der Wahrheit insbesondere unter den Bedingungen Russlands wohl am nächsten. Nach sieben schlimmen Jahrzehnten für die Russisch-Orthodoxe Kirche, in denen Kirchen zu Pferdeställen verkamen, möchte so manch Einer gerne verkünden, dass für den Glauben nun endlich die Zeit der Wiedergeburt und des Gedeihens angebrochen ist.
Äußerlich ist das auch in der Tat so. An den Wochenenden sind die Kirchen ganz Russlands zum Bersten voll. Das orthodoxe Weihnachten ist zu einem nationalen Ereignis geworden, an dem nicht einmal die höchsten Würdenträger des Staates, der Präsident eingeschlossen, sich die Teilnahme entgehen lassen. Wie die offizielle Statistik besagt, ist die Zahl der Russen, die sich für Gläubige halten, seit Ende der 80er Jahre um das Dreifache in die Höhe geschnellt. Im Jahre 1986 galten 16 Prozent der Bevölkerung für religiös. Heute beläuft sich die Zahl auf 50 Prozent bis 80 Prozent, ganz in Abhängigkeit vom Wagemut derer, die Meinungsumfragen in Auftrag geben.
 
Bemerkenswert ist indessen, dass in unseren Tagen ungefähr genau so viele Menschen das Abendmahl empfangen und die Beichte ablegen wie zu den Anfangszeiten von Gorbatschows Perestroika, und zwar 1,5 Prozent bis 2 Prozent der Bevölkerung. Davon ausgehend kann man zu der Feststellung gelangen, dass wir es mit einem formalen Christentum zu tun haben, einer Religiosität, die den Charakter einer gewissen Rache für die Jahrzehnte der Gottlosigkeit angenommen hat. Es könnte sogar von einer Art weltlicher Modeerscheinung gesprochen werden. Das hat möglicherweise auch gar nichts mit der eigentlichen Seelenlage zu tun.
Schon der Versuch, das Publikum von Madonna fern zu halten, erzielt in Russland den Effekt eines Déja-Vu. Wir haben noch nicht vergessen, dass die Jagd auf Kunstschöpfer ein Charakterzug der kommunistischen Zeiten war. Man braucht sich bloß an die Bulldozerattacken auf die Ausstellung der Avantgardisten in Moskau oder an das Kesseltreiben gegen Boris Pasternak zu erinnern, der es gewagt hatte, seinen "Doktor Schiwago" im Ausland zu veröffentlichen. Einen unangenehmen Beigeschmack hinterlässt jedoch, dass es schon nicht mehr die Kommunisten sind, sondern die Kirche, die sich gegenüber Madonna als Kraft gebärdet, die nach einer Einschränkung der künstlerischen Ausdrucksfreiheit trachtet. Vielen erscheint es wie ein Warnsignal, dass sich die Religion des Lebens des per Verfassung weltlichen Staates bemächtigen will.
Die Laserstrahler, die Madonnas Konzerte in gleißendes Licht tauchen, erhellen möglicherweise auch einige Schwachstellen der heutigen Konfessionen. Die Sprache der Kommunikation, die die Kirche gegenüber der Generation des Internets und des Mobilfunks anschlägt, wird von dieser schon längst als archaisch empfunden. Rock, Pop und Rep rufen bei den jungen Seelen mehr Resonanz hervor, als die monotonen Gebete von dem Ambo. Das begreifen übrigens auch viele Stützen der Russisch-Orthodoxen Kirche, wie zum Beispiel der Metropolit Kyrill, der sich gern mit den Rockmusikern seines Landes in heiße Diskussionen verstrickt.
Bisher verschaffte der Zorn der offiziellen Kirche Madonna wohl nur eine gewaltige Werbekampagne.

 
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